Ein Tag Urlaub in der eigenen Stadt

Ein Erfahrungsbericht von Mascha Dinter


Der erste Pluspunkt für den Urlaub in der eigenen Stadt: Die Anreise von unserer Wohnung in Deutz bis zum Hostel der wohngemeinschaft in der Richard-Wagner-Straße beträgt genau sieben Minuten. Schneller bin ich noch nie in den Urlaub gefahren. Und statt einen Stadtplan zücken zu müssen, steuern mein Freund Daniel und ich sicher auf unser Ziel zu, denn schließlich sind wir hier nicht zum ersten Mal zu Gast. Zumindest in der Bar der wohngemeinschaft, wo man uns freundlich den Weg zum Aufzug in den sechsten Stock weist. Doch als sich die Aufzugtür öffnet und den Blick auf die Hostel-Rezeption frei gibt, betreten wir Neuland.

Lächelnd werden wir von Bine in Empfang genommen. Nach Erledigung der Formalitäten zeigt sie uns das „Wohnzimmer“, den Aufenthaltsraum des Hostels, und die Sanitärräume. Dann stehen wir auch schon vor unserem Zimmer, oder besser gesagt vor Danilos. Beim Betreten wird sofort klar, wir sind bei dem Literaten unter den WG-Mitbewohnern gelandet. Die Wand, an der die Betten stehen, ist mit einem Text aus Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ bedruckt (im Übrigen auch unser Motto für den heutigen Abend), in Deutsch, Englisch und Französisch. Und bei Danilo gibt’s noch mehr zu lesen: Mehrere Regalreihen voll mit Büchern zieren die anderen Wände seines Zimmers. Auf dem Schreibtisch findet sich neben Lexikon, Tabakpfeife und Gedichtbänden auch ein äußerst stilvolles Schreibgerät (nur Federkiel und Tinte wären stilvoller!) – eine Schreibmaschine. Während Informatiker Daniel direkt mal ausprobiert, wie das so vor seiner Zeit gewesen sein muss und in die klappernden Tasten haut, spinkse ich in alle Schubladen und Schranktüren. Es kommt mir tatsächlich so vor, als seien wir in dem Zimmer einer realen Person gelandet, es fühlt sich an wie ein Zuhause.

Da wir später noch genügend Zeit bei Danilo verbringen werden, machen Daniel und ich uns erstmal auf nach draußen. Was unternimmt ein Tourist am 1. Advent in Köln? Ein Weihnachtsmarktbesuch scheint nahe liegend, im wahrsten Wortsinne. Keine fünf Minuten später stehen wir also auf dem Rudolfplatz und halten Currywurst und Glühwein in der Hand. Die Temperaturen stimmen, vor ein paar Tagen ist der Winter über Köln hereingebrochen. Obligatorisch sind natürlich auch Poffertjes und Zuckerwatte. Pappsatt spazieren wir anschließend über den Hohenzollernring und sind uns ziemlich schnell einig: Wir wollen ins Warme. Wir setzen auf Altbewährtes und entscheiden uns für das Café Bauturm auf der Aachener Straße. Ein weiterer Vorteil beim Urlaub in der eigenen Stadt: Man muss nicht auf seine Lieblingsbiersorte verzichten. Zumindest Daniel freut sich darüber, ich bevorzuge erstmal eine heiße Karamellmilch.

Nach zwei weiteren Gläsern Kölsch kehren wir in unserem Domizil ein – zunächst im unteren Teil, versteht sich. Hier schnappen wir uns den kuscheligsten Platz der wohngemeinschaft (oder ist das doch der Bulli?!), Annabells Bett im Mädchenzimmer. Daniel freut sich noch mehr, denn hier gibt es sogar Mühlenkölsch in Flaschen. Die 10 Prozent Hostel-Gast-Rabatt müssen genutzt werden. Auch die Hausmarke, das WG-Bräu, wird getestet.

Irgendwann werden wir müde. Und sehr fröhlich bei dem Gedanken, dass wir nicht mehr raus ins Kalte müssen, sondern bloß von diesem Bett ins andere, fünf Stockwerke über uns, wechseln. Wir fühlen uns wie richtige WG-Mitglieder. Nach fast elf Stunden erholsamer Nachtruhe blicken wir am nächsten Morgen vom warmen Bett aus auf die Dächer des belgischen Viertels. Schnee liegt in der Luft.

Nach einer heißen Dusche lassen wir uns im Wohnzimmer der Hostel-WG erstmal mit Kaffee auf dem Sofa nieder. Jens, der sich heute Morgen um die Gäste kümmert, erzählt uns, dass schon Besucher aus 40 Nationen hier genächtigt haben. Alle Kontinente waren in den knapp zwei Monaten seit Eröffnung schon vertreten. Davon zeugt auch das Gästebuch, in dem sich unter anderem Australier, Holländer und Mexikaner verewigt haben. Als wir dem anderen Pärchen im Aufenthaltsraum erzählen, dass wir aus Köln kommen, ernten wir ein Lächeln. Um kurz darauf zu erfahren, dass sie es auch nicht furchtbar weit hatten: Sie kommen aus Essen.

Zurück auf unserem Zimmer packen wir unseren Rucksack und verabschieden uns von Danilo. Anschließend geben wir unseren Schlüssel bei Jens ab. Der fragt uns, ob wir noch einen Blick in ein paar Zimmer werfen wollen, die gerade frei geworden sind. Natürlich wollen wir. Pauls Fotografen-Zimmer, Toms Boot und der Schlafsaal sehen ebenfalls enorm gemütlich aus. Möglicherweise ist das nicht der letzte Urlaub in der eigenen Stadt gewesen. Zumindest wissen wir jetzt, wo wir zukünftig unsere Gäste unterbringen.

Als wir die wohngemeinschaft verlassen und um die Ecke in die Brüsseler Straße biegen, fallen die ersten Schneeflocken. Zum Glück sind es zur Müslibar Yummy nur ein paar Meter. Hier lassen wir uns ein Frühstück aus mindestens zehn Müslisorten schmecken, die wir selbst auswählen. Auf dem Rückweg zur Bahn kaufen wir in einem Buchladen noch schnell eine Postkarte, die wir an meine Schwester schicken. Auch wenn ich sie vermutlich sehen werde, bevor die Karte ankommt – das gehört zu einem richtigen Urlaub einfach dazu.